Rückblick zur Veranstaltung "Religiosität in einer pluralen Gesellschaft" vom 25.01.2019

| AG Expertenreihe/Debattierclub
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Eine Veranstaltung der DIA e.V. Expertenreihe
von Ali Temel

Am 25.01.2019 lud die Deutsche Islam Akademie in Kooperation mit der Katholischen Akademie Berlin Interessenten zu der Veranstaltung „Religiosität in einer pluralen Gesellschaft“ ein. Das Thema ist von besonderer Relevanz, da der Islam und die Muslime* beäugt und beobachtet werden. Religiöse Praktiken stehen dabei im Fokus und werden kontrolliert, beschränkt oder auch akzeptiert. Zudem wird die Wesensart des sozialen Lebens vermessen und katalogisiert. Religiöse Praktiken, Markierungen des „Muslims/Muslima“ und die damit verbundenen Debatten gehören zu den wichtigsten Themen in der Wahrnehmung der muslimischen Bevölkerung in Deutschland. Eine Reihe von Themen wie das Tragen des Kopftuchs von Lehrerinnen oder das Schächten nach islamischen Bräuchen sind in den letzten Jahren mit Nachdruck in die Öffentlichkeit getragen worden. Dabei war und ist der Knotenpunkt nahezu jeder Diskussion in Europa die entsprechende Frage nach dem legitimen oder illegitimen Platz des Islams in der Gesellschaft. Symbole waren bereits Teil der ersten Einwanderergeneration von Muslimen* in westeuropäische Gesellschaften und wurden erst sehr viel später sozial und politisch kennzeichnend gemacht, nämlich dann, als junge Muslime* es öffentlich „sichtbar“ machten.
Hierbei kristallisierten sich unter anderem folgende Frage heraus: Ist Religiosität eine Herausforderung für das Einwanderungsland Deutschland? Sind der Religiosität Grenzen gesetzt?
Diesen und einigen anderen Fragen sind unsere Referentinnen Esra Ayari (Journalistin und freie Autorin), Rita Manshausen (Präsidentin des Amtsgerichts Schöneberg) und Gonca Türkeli-Dehnert (Geschäftsführerin der Deutschlandstiftung Integration) nachgegangen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Farah Bouamar (Studentin und Datteltäterin).

Das Verhältnis von Religion, Recht und Politik
Den Anfang machte Frau Gonca Türkeli-Dehnert und stellte die Deutschlandstiftung vor. Diese will zur Entstehung eines neuen, vorurteilsfreien Gesellschaftsbildes beitragen und die Integration fördern. Sie macht jedoch ebenfalls klar, dass noch heute trotz vieler gelungener Beispiele von gesellschaftlicher Teilhabe von Menschen mit einem Migrationshintergrund eine Diskriminierung und Stigmatisierung derselbigen in vielen Bereichen der Gesellschaft wie z.B. auf dem Arbeitsmarkt stattfindet. Hier sieht sie einen großen Nachholbedarf.
Frau Rita Manshausen verdeutlichte anhand bestehender Regelungen das Verhältnis von Religion und Recht und deutete zunächst auf die Manifestierung des christlichen Erbes auf die deutsche Verfassung hin. Die vermutete religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates ist daher umstritten, vieldeutig und nicht eindeutig. Auch das Neutralitätsgebot ist umstritten, zunächst wegen seiner Mehrdeutigkeit aufgrund fehlender gesetzlicher Definition und der Anfälligkeit einer möglichen Politisierung. Hierbei wies sie auf das Spannungspotenzial zwischen der Wahrung der Neutralität des Staates einerseits und dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes andererseits im Hinblick auf das Kopftuchverbot für Lehrerinnen hin.
Die letzte Referentin Esra Ayari zeigte auf, dass deutschlandweit Muslime* in der Medienlandschaft eher Inhalt von Medien sind, als Medienschaffende. Ursachen können vielschichtig sein: Von Vorbehalten von Muslimen* gegenüber den Medien aufgrund selektierter Berichterstattung („Framing“), bis hin zur mangelnden Änderung der Unternehmenskultur und Ressentiments gegenüber muslimischen Journalisten* oder jene, die als muslimisch markiert werden.
Die einleitende Frage der anschließenden Podiumsdiskussion war, wie Nichtweiße* (ob Muslime* oder nicht; Frauen mit oder ohne ein Kopftuch) mit institutionellen Benachteiligungen, Ausgrenzungen und Herabwürdigungen in gesellschaftlichen relevanten Bereichen wie z.B. dem Arbeitsmarkt umgehen sollen. Die Diskussion nahm einen anderen Verlauf, indem sie einen großen Bogen von der eigentlichen Frage auf die Grundsatzfrage machte, nämlich wie tiefgreifend Ungerechtigkeiten in unterschiedlichen Formen auftreten können, wenn der Institutionelle Rassismus sich mit der Zeit in Gesetzmäßigkeiten und Normen wandelt und tiefe soziale und institutionellen Strukturen sich verfestigten. Dadurch reproduziert sie immer wieder diskriminierende Praktiken bzw. deren Auswirkungen aufs Neue. Beispiele dieser Praktiken bzw. Auswirkungen sind segregierte Wohngebiete, unterschiedlich ausgestattete Bildungseinrichtungen, stark unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten, ein schlechterer Gesundheitsstatus.

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