Rückblick zur DIA-Veranstaltung "Individualismus und Religion" vom 24.01.2019

| AG Expertenreihe/Debattierclub
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> Grußwort des Staatssekretärs für Europa, Gerry Woop

Eine Veranstaltung der DIA e.V. Expertenreihe

von Ali Temel
Am Abend des 24.01.2019 kamen der Gastgeber die Katholische Akademie Berlin und die DIA e.V. zusammen, um gemeinsam verschiedene Ansichten und Eindrücke zu dem weitumfassenden Thema „Individualismus und Religion“ zu gewinnen.
Auf die einleitenden Worte von Dr. Thomas Würtz, als Sprecher der Katholischen Akademie Berlin, folgte ein Grußwort des Staatsekretärs für Europa und Kultur Gerry Woop mit lobenden Worten. Zu einem begrüßte Herrn Woop die Kooperation der Akademien und zum anderen die wichtige und vorbildliche Funktion der noch jungen Islam Akademie.
Daran anschließend rezitierte der Theologe und Mitbegründer von DIA e.V. Ertan Öztürk den Vers 13 aus der Sure 49 (al-Ḥuǧurāt), um das Publikum auf das Thema einzustimmen. Es handelt sich hierbei um eine Sure, die sich mit einer Reihe von Fragen und Richtlinien befasst, die sich auf den Alltag eines Muslims sowie auf die islamische Gemeinschaft und den Staat insgesamt auswirken. Obwohl sie nur achtzehn Verse (āyāt) enthält, ist der dreizehnte Vers, einer der berühmtesten im Koran und wird von muslimischen Gelehrten als Gleichheit in Bezug auf Ethnie und Herkunft verstanden.

Individualismus vs. Kollektivismus
Im Anschluss folgten die Referenten mit ihren Vorträgen. Den Anfang machte der Islamwissenschaftler Bacem Dziri und gab gleich zu verstehen, wie groß und schwer fassbar das Thema aus einer historischen Perspektive ist. Bacem Dziri betonte zudem, dass er keinen islamischen Grundriss zu dem Thema aufzeigen, sondern von persönlichen Eindrücken berichten wolle. Einen kollektivistischen Ansatz im Islam verneint Herr Dziri und wies darauf hin, dass die Herausbildung von individualistischen und kollektivistischen Gesellschaftsstrukturen soziale, religiöse, und insbesondere historische Ursachen hat.
Prof. Dr. Rainer Kampling ging vor allem der Frage der Frömmigkeit nach. So wurde eine theologie-, frömmigkeits- und bildungsgeschichtliche Entwicklung des Christentums bis in die heutige Zeit skizziert. Hierbei wurden auch neue oder geteilte religiöse Erfahrungskulturen, begünstigt durch den Blick auf den spirituellen Reichtum anderer Religionen in Augenschein genommen, wie z.B. die Speisevorschriften oder der Rosenkranz/Misbaha (misbaḥa). Die christliche Spiritualität, nach Herr Prof. Dr. Rainer Kampling, ist durch eine wandelnde Frömmigkeitspraxis gekennzeichnet.
Die dritte Referentin, Furat Abdulle, veranschaulichte, dass der gelebte Islam in seiner Diversität als eine Stärke verstanden wird. Innerhalb dieser Vielfalt positioniert sich das muslimische Selbst eigenverantwortlich und selbstbestimmt in seiner Religiosität und Weltanschauung und steht in einer wechselseitigen Beziehung zu der universalen islamischen Rechts- und Werteordnung. Dieses Verständnis wird jedoch durch die Homogenisierung, Essentialisierung und Dichotomisierung des Islam und der Muslimen als das befremdlich Andere in Abgrenzung zum Eigenen herausgefordert.
Auch Klaudia Höfig verdeutlichte unter anderem durch ihre Aufenthalte im Ausland, dass das Christentum in den Ländern unterschiedlich verortet ist. Ähnlich verhält es sich auch in der Bundeshauptstadt Berlin mit seinen verschieden geprägten Kulturkreisen, Verbänden und Ordensgemeinschaften, ja sogar in den Personen selbst. Bei ihren Untersuchungen ging sie dabei stets der Frage nach „Was ist für dich katholisch?“.

Podiumsdiskussion: Viele Fragen; individuelle Antworten
In der anknüpfenden Podiumsdiskussion wurde nochmal verdeutlicht, wie breit und diskussionsgeladen das Thema war und wie unterschiedlich dieses Thema angegangen wurde. Zu erkennen war, dass die Individualität beziehungsweise individuelle Identität begriffsgeschichtlich moderne Konzepte sind. Ihr historisches Auftreten ist gebunden an die Entwicklung der modernen Gesellschaft und Machtstrukturen. Die Entwicklung von Individualitätskonzeptionen ist darüber hinaus innerhalb der modernen Gesellschaft einem kulturellen, sprachlichen, religiösen Wandel unterworfen und kann daher überall anders verstanden und ausgelebt werden.

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